Woran man Jurastudenten erkennt…

Eine kleine Sammlung abseits von Perlenketten und Segelschuhen.

schönfeldersartorius

  • Der Schönfelder (wahlweise: Der Sartorius): – Rückenschmerzen auslösende dicke Gesetzessammlung im handlichen Klotz Taschenformat. Es handelt sich um eine Loseblattsammlung, die man also schöööööööön einfach aktuell halten kann, da die Gesetze sich ständig in Teilen ändern (z.B: die aktuellen Zinssätze im BGB). Alle paar Wochen kommen also schweineteure Einzelblättchen in den Handel, die eine Seitendicke haben, bei der die Blätter transparent sind und man sich wundert, dass man den Text der aufgeschlagenen Seite und der dahinterliegenden noch auseinanderhalten kann. Man kann sie sich auch gleich schön im Abonnement nach Hause bestellen.Freut einen dann ungefähr so wie eine Rechnung im Briefkasten, wenn wieder eine rote „Büchersendung“ drinliegt. Oder … weniger. In den folgenden 1-2 Stunden verbringt der Jurastudent seine Zeit damit, Seiten 1-5 alt herauszunehmen, Seiten 1-5 neu einzusortieren, Seiten 1-5 alt in den Papierkorb zu entsorgen (dabei bloß nichts verwechseln!), Seiten 5-23 gleichbleibend, herauszunehmen, Seiten 23 – 25 alt herauszunehmen, Seiten 23-25 neu einzusortieren…… Dabei bloß aufpassen, dass die Seiten nicht reißen. Nach gefühlten Ewigkeiten dann das neu sortierte Werk wieder zwischen die roten Buchdeckel stopfen. Manchmal schwierig, da es insgesamt immer mehr Seiten als vorher sind. Anwälte stellen manchmal studentische Hilfskräfte genau für diese Arbeit ein. Prädikat: Muss man haben.

Gesetzessammlung Schönfelder Jurastudent

  • Das Schönfelder Zubehör. Täschchen gefällig? Oder doch die normale Pappkarton Variante, in die man das Gesetzeswerk bei der Arbeit auch gleich hineinstellen kann?  Eine hineinmontierbare ausziehbare Buchstütze? Oder gleich die Luxus Pendelstütze, die verhindert, dass die Schwerkraft den Klotz das Buch umstürzt, wenn man mal was auf den letzten oder ersten Seiten nachschlagen will. Prädikat: Ohne geht’s auch, aber mit ist’s schöner. 

 

  • Skurriles Sonderwissen. Warum fängt der Schönfelder erst bei Nummerierung 20 an? Weil unter den vorigen Nummern Nazigesetze drinstanden. Kann ich beim Bäcker das Eigentum an einem Brötchen kaufen? Nope. Verliert man das Eigentum an einem Bienenschwarm, der in eine fremde besetze Bienenwohnung einzieht? Jo! (Hausbesetzerbienen also, aber die krasse Variante, weil sie trotz dort lebender Bewohner besetzen). Prädikat: Braucht man nicht wissen, weiß man aber. Kann man auf Partys erzählen (wenn sich dort keine anderen Juristen aufhalten)

 

  • Examensangst. Trifft nicht jeden. Nur ca. 90 % der Studenten. Führt zu gemäßigten bis auch extremen körperlichen, geistigen und seelischen Folgen. Kann durch täglichen Sport gemindert und auf ein normaleres Maß zurückgeführt werden. Drogenmissbrauch ist ähnlich wie bei Mediziner nicht so selten. Tritt nicht weniger beim 2. Examen auf, obwohl dort nur Leute antreten, die im ersten Examen schon eine Punktzahl bekommen haben, die bestätigt, dass sie die Prüfungsfälle im Großen und Ganzen richtig gelöst haben. Davon ausgehen, dass diese erfolgreich Examinierten Jura „können“, darf man nicht. Die Durchfallquote liegt auch im 2. Examen bei ca. 17 %. Hört sich nicht viel an? Ist aber immerhin ein Sechstel der Kandidaten, die das 1. Examen bestanden haben. Für die Betroffenen (zunächst) eine Katastrophe, denn „nur“ mit dem erfolgreichen Abschluss des Studiums wird man auf dem juristischen Arbeitsmarkt: Nichts. Schön, wenn man sein Examen im Saarland oder in Baden – Württemberg schreibt. Hier sind die Examensprüfungen signifikant leichter. Die Durchfallquote halbiert sich. Prädikat: Ohne ist alles besser, aber wer kann sich von Existenzangst freimachen?

 

  • Das Rechthaben. Juristen und Lehrer haben eines gemeinsam. Sie haben Recht. (Ob das an der gleichartigen Ausbildung mit Studium, Referendariat und Examen liegt?) Viele Jurastudenten haben bereits im ersten Semester Recht. Auch wenn der Professor etwas anderes erzählt. Und der AG – Leiter. Und der Bundesgerichtshof. Hehe. Allerdings ist es natürlich notwendig, eine eigene Meinung entwickeln zu können, es ist ja geradezu der Kern des juristischen Seins. Man muss aber nicht nur Recht haben (eine Meinung haben) sondern diese auch begründen können. Deshalb wird auch die Argumentationsfähigkeit im Studium sehr geschult. Da alle anderen normalen Menschen aber nicht ständig Lust haben, in Frage gestellt zu werden und für eigenen Meinungen etwa noch mit Argumenten, gar stichhaltigen Argumenten aufzuwarten, beginnt der Jurist hier in den Augen anderer zum Rechtsverdreher zu werden. Beharrt er auf einer anderen Meinung als der Professor, Richter oder Staatsanwalt, wird er zum Querulanten. Sitzen in der Arbeitsgemeinschaft Leute, die nur schnell rauswollen und baden fahren, wird er zum Erbsenzähler. Engagiert er sich etwa für Menschenrecht oder arbeitet als Asylanwalt, wird er zum „Gutmenschen“. Vertritt er Arbeitgeber oder Vermieter – zum Systemschwein.  Prädikat: Extrem wichtig, geht aber allen anderen extrem auf den Senkel. Fazit: Egal was Du machst, Du gehst allen anderen extrem auf den Senkel.

 

  • Die Entwicklung des Jurastudenten:

Im ersten Semester (interessiert und begeistert): „Boah, Staatsrecht ist voll spannend! Sollte der Bundespräsident nicht mehr Rechte haben dürfen und Missstände selbst beheben können? Sollte die NPD verboten dürfen oder können und was muss man dabei beachten? Hat das Bundesverfassungsgericht dabei nicht vergessen, dass …?“ (Prof: „Joa, interessant! Schreiben Sie einen Aufsatz drüber!“ (ich muss hier doch auch nur den Stoff durchkriegen)).

Im dritten Semester (naiv und hoffnungsvoll): „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Hoffentlich kommt das in der Klausur nicht dran. Hoffentlich kommt was mit Kaufvertrag dran.“

Im fünften Semester (pragmatisch und gehetzt): Prof: „Sehr interessant ist auch ….“ Studis (alle): „Ist das examensrelevant???“

Nach dem sechsten Semester (Kindergarten): Den Platz hatte ich zuerst!!!! Das Buch hatte ich zuerst!!! Ich war zuerst am Kopierer!!!

Im Referendariat: Richter: „Daraus könnte man ableiten, dass ….“ Refis (fast alle): „Welche Meinung vertritt der BGH?“ Meinen: Man, sag uns doch gleich die Lösung! Ich hab hier echt keine Zeit für Kinkerlitzchen!“

 

  • Das Freizeitverhalten. Vor der Examensvorbereitung: Paaaaaaaaaaarty!!! Während der Examensvorbereitung: „Wir können uns leider nicht treffen! Hab Stress! Nein, leider auch nicht telefonieren! Keine Zeit! SMS beantworten? ähhh…… ich denk mal drüber nach, versprochen, ich meld mich! Wann? ähhh…. äähhhh…. Ich hab wirklich Stress! Jaaaaa! Nur noch 18 Monate!!“

 

  • Das genervt Sein von Fragen / Ansichten / „Argumenten“ der nichtjuristischen Mitmenschen. Wird natürlich mit anderen Berufsgruppen geteilt, z.B. Ärzten. Äußert sich in stillem Entsetzen, wenn man folgendes vernimmt:  a) „Kannst Du mir mal schnell sagen / schreiben / recherchieren….?“ b) „Hattest Du im Studium eigentlich auf XY -Recht? Ich habe nämlich …..(folgendes Problem)“ c) „Das Strafrecht in Deutschland ist viiiiel zu lasch!“ / „Es kann doch nicht sein, dass …… (bitte selbst beliebige juristische oder politische Entscheidung einfügen)!!!!!“ / „Das ist doch voll ungerecht, dass …. !“ 
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Autor: Juristin

Juristin, Mutter, Ehefrau u.v.m.

2 Kommentare zu „Woran man Jurastudenten erkennt…“

  1. Also ich kann das nur bestätigen. Ich wurde auch wenn ich erst im 1. Semester bin schon um juristischen Rat gebeten :D.

    Und ja… Staatsrecht ist am Anfang wirklich sehr spannend. Die Frage mit dem Bundespräsidenten hatte ich auch schon :).

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