Lösungstechnik für den Aktenvortrag und Klausuren im zweiten Examen

Mahdi D. Tabrizi hat auf dem Jurablog …jurabilis! bereits vor einer Weile seine Erfahrungen zu den Klausuren im Assesorexamen geteilt. Ein schöner und hilfreicher Beitrag, den ich mit Euch teilen möchte:

„Während des Refs habe ich viele Skripte und Bücher gelesen, die sich mit den Inhalten für das zweite Examen befassen. Keines dieser Werke enthielt aber eine Anleitung für das konkrete Herangehen an Klausuren und Aktenvorträge. In diesem Beitrag möchte ich die für mich effektivste Herangehensweise im Zivilrecht vorstellen und hoffe, dass es ein paar Leuten hilft, die noch nicht ganz genau wissen, wie sie „die PS auf die Straße bekommen“. Mein Stil erhebt keinen Anspruch auf Perfektion. Er passte aber für mich und vielleicht auch für andere. Ich hielt meinen Aktenvortrag im Zivilrecht, so dass sich meine Taktik für den Aktenvortrag nicht wesentlich von meinem Lösungsstil für zivilrechtliche Klausuren unterscheidet. Wer im ÖRecht oder StrR vorträgt, muss schauen, ob er/sie es vielleicht anders machen muss.

Ich beantworte Rückfragen zu diesem Beitrag gerne. Bitte postet Eure Fragen als Kommentar. Bei Bedarf kann ich meine Herangehensweise in den anderen Rechtsgebieten auch vorstellen. Größere Unterschiede gibt es aber nur im Strafrecht. ÖRecht lief wie das Zivilrecht. Mein größtes Problem war immer die Zeit. Ich habe sehr viele Klausuren geschrieben und habe (mit anderen Referendaren) den Eindruck gehabt, dass die Klausuren von Jahr zu Jahr umfangreicher (teilweise auch inhaltlich anspruchsvoller) wurden. Insbesondere im Strafrecht ist aus meiner Sicht die Grenze des in 5 Stunden Machbaren lange erreicht und überschritten. Dieses Problem wird von Korrektoren nicht ausreichend gewürdigt. Wer sich bei 4 Personen und 5 Tatkomplexen darüber aufregt, dass in meiner Anklage eines der zwölf Beweismittel fehlt, ich die subsidiäre Unterschlagung mit einem Satz ablehne oder den Doppelnamen der Beschuldigten abkürze, ist einfach zu weit weg von der Ausbildung.

Ich würde mich freuen, wenn das mal irgendwann gesehen wird. Aus meiner Sicht werden diese Fehlentwicklungen viel zu häufig mit der Ausrede abgetan, dass „da ja alle durch mussten“ oder „es Teil der Ausbildung sei“. Mit diesem Argument könnte man auch nach jeder Klausur einen Würfelzwang mit Auswirkung auf die Note einführen und sagen, dass es Teil der Ausbildung ist und jeder Würfeln muss.

1. Taktik für Zivilrechtsklausuren

Häufige Probleme: Viele Parteien; komplizierte Konstellation; viele Zeitangaben; knappe Bearbeitungszeit.

a) Grundsätzliches

Für mich war es wichtig, eine Routine zu finden. Daher waren die nachfolgenden Schritte immer gleich und ich empfehle, diese auch so durchzuhalten.

– Ein komplett leeres Blatt zur Hand nehmen (nachfolgend: „Übersichtsblatt“), dann als erstes den Bearbeitervermerk lesen (so banal das klingt, im Examen habe ich tatsächlich mal 15min für einen komplizierten Kosten-/Vollstreckungstenor gebraucht und von Kollegen später erfahren, dass der erlassen war. Sowas muss nicht sein und macht keinen guten Eindruck). Links oben auf dem Übersichtsblatt werden dann eingetragen: Entscheidungs-/Bearbeitungszeitpunkt als Datum (z.B. 12.4.2012); erlassene Teile (z.B. keine Kosten/Vollstreckung); Parteien (z.B. „Kl: Herr X / Bekl: A GmbH aus DDF“) und sonstige Bearbeiterhinweise (z.B. „Klageentwurf durch das Gericht weitergeleitet“ (= fehlende Zustellung)). Das Übersichtsblatt wird in drei einigermaßen gleichmäßige Spalten geteilt.

– Dann wurde innerhalb von wenigen Sekunden der gesamte Sachverhalt überflogen und nach Datumsangaben „gescannt“, damit ich die relevante Zeitspanne im Blick hatte. Hierbei habe ich nichts gelesen, sondern wirklich nur nach Daten geschaut.

– Sachverhalt lesen. Mehrfaches Lesen hat zuviel Zeit gekostet, daher musste alles beim ersten Lesen sitzen. Hierbei habe ich mir abgewöhnt, irgendwas zu unterstreichen oder zu markieren, weil das nur Zeit kostete und mich gedanklich auf bestimmte (im Nachhinein vielleicht weniger wichtige) Bereiche fixierte. In der dritten Spalte (ganz rechts) wurde während des ersten Lesens die Zeittabelle abgetragen (z.B. „03.01.2011: KV Auto / 04.02.2011: Anzeige Mangel Auto“). Wenn man die Zeitspanne überflogen hat, kann man zu den „Ballungszeiten“ etwas Platz zwischen den einzelnen Einträgen lassen, um im Nachhinein zwischen den Einträgen Dinge einfügen zu können, die erst später im Sachverhalt erwähnt werden.

– Beim Lesen sieht man häufig schon viele Probleme. Die habe ich in der linken Spalte des Übersichtsblatts abgetragen (z.B. „Teilerledigung“, „Zuständigkeit Gericht“, „Präklusion“ etc.), um nichts zu vergessen.

– In der dritten Spalte des Übersichtsblatts wurde schließlich das Vorbringen der Parteien mit Seitenangabe in Stichworten abgetragen. Daher musste ich nichts mehr markieren. Klägervorbringen erhielt einen Pfeil nach rechts, Beklagtenvortrag einen nach links (z.B. „–> Auto nie bekommen (S.2) / <– Auto erhalten (S.4)“). Hierdurch hatte ich auch immer alle Argumente der Parteien übersichtlich vor Augen.

– In komplizierten Situationen habe ich mir ganz rechts oben auf dem Blatt noch eine Skizze mit den Parteien und ihren Beziehungen gemacht. Aus meiner Sicht brauchte aber nicht jeder Fall so eine Skizze.

– Für das Lesen und das Erstellen dieses Übersichtsblatts habe ich etwa 25min gebraucht. Dieses Vorgehen diszipliniert für zügiges Arbeiten und führt einem alle Probleme der Klausur vor Augen.

– Auf einem neuen Blatt habe ich dann meine Lösungsskizze gemacht (Zulässigkeit / Begründetheit). Für die gesamte Lösungsskizze (inkl. Lesen im Kommentar!) habe ich mir eine Deadline von 35min gesetzt. Diese durfte einmalig (! um weitere 10min überschritten werden, wenn ich absolut keine Ahnung von dem Fall hatte. Mehr als 45min für die Skizze durften in der Vorbereitung nicht sein. Obwohl ich im Examen „relativ locker“ war, haben sich diese Zeiten ein wenig nach hinten verschoben, weil der Ernstfall dann doch etwas ernster war als man es üben konnte. Grundsätzlich war es so, dass ich im Zivilrecht nie länger als 1,5 Stunden brauchen durfte, um mit der Niederschrift anzufangen, weil ich sonst nicht fertig geworden wäre. Es ist sehr wichtig, sich das zu vergegenwärtigen und es für sich richtig einschätzen zu können.

– Die Lösungsskizze enthielt nur (!) Stichpunkte. Schwerpunkte der Klausur habe ich mir schon dort markiert. Allgemeine Sachen, die anzusprechen waren, erhielten einen Stern. Wichtigere Sachen zwei und die wichtigsten Themen drei Sterne. Hiernach gliederte sich auch meine Argumentationstiefe. Drei-Sterne-Probleme erhielten höchstens 3-4 Argumente. Zwei-Sterne Probleme 1-2 Argumente. Ein-Sterne Probleme 1 Argument (wenn überhaupt). „

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Autor: Juristin

Juristin, Mutter, Ehefrau u.v.m.

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