Zwei kleine Herzenskinder

… habe ich hier.

Mamas Herz schlägt für sie. Papas Herz schlägt für sie. Omas, Opas, Onkels, Tantens, Uromas Herz. usw.

Und für wen schlägt ihr Herz?

MAMA. PAPA.

Auch für Oma, Opa, Onkel, Tanten, Uroma, Freundin.

Aber das ist nicht das gleiche. Das ist nicht so umfassend. Das ist auch Liebe, auch Sicherheit, auch Schutz, auch Freude, auch Spaß. Aber alles: im Zweifel verzichtbar. Ohne Mama und Papa ist alles nichts.

Meine Kinder wollten nicht mit einem Jahr in die Kita. Meine Kinder wollten nicht zu den Erziehern. Nicht alleine zu Oma. Nicht zum Babysitter. Überhaupt nicht: alleine irgendetwas. Jedenfalls nicht mit unter vier Jahren, und dann auch nur ereignisweise. Alle beide fröhliche, neugierige, unternehmungslustige, sensible, freundliche, aufmerksame und sich selbst beschäftigende Kinder. Wen wir dabei sind. Alleine: unglücklich, verunsichert und angespannt.

Meine Kinder wollen selbst entscheiden, wann sie sich trennen. Und das ist deutlich später als „mit elf Monaten ab in die Kita“. Sie wollen unsere Unterstützung, unseren Schutz spüren, uns in unbekannten, neuen Situationen in die Augen schauen, um die Gefahr einschätzen zu können, oder erst mal auf den Arm kommen / sich hinter unserem Rücken verstecken, um sich sicher zu fühlen. Sie wollen von uns lernen, uns beobachten, uns körperlich spüren. Sie wollen Zeit haben, um endlose Wiederholungen und Variationen auszutesten. Sie wollen unsere Beziehung festigen. Sie wollen unsere Meinung zu neuen, komischen, lustigen Dingen hören und sehen und spüren. Sie wollen unsere Hilfe, wenn jemand anderes sie nicht versteht, wir sollen übersetzen und ihnen zeigen, wie sie mit so etwas umgehen können.

Sie wollen sich lieber zuhause langweilen, als in den Kindergarten zu gehen. Sie wollen in den Ferien gerne, dass die Großeltern herkommen. Aber betreut werden wollen sie von ihnen maximal stundenweise allein, sondern lieber von ihnen und uns zusammen. Die große macht auch mal einen Tagesausflug mit den Großeltern. Aber noch lieber mit ihnen und uns zusammen.

Gerechnet habe ich damit nicht. Aber heute empfinde ich es als natürlich. Umso erstaunter bin ich immer, wenn ich (wenige) Kinder sehe, die bei der Eingewöhnung von alleine freudig hineingehen und das so bleibt. Oder die mit knapp zwei Jahren eine ganze Woche alleine bei Oma verbringen. Oder sich in diesem Alter nachts von einem Babysitter beruhigen lassen.

Aber genauen Einblick habe ich auch nicht. Macht das Kind das wirklich freudig mit? Oder wollen / brauchen die Eltern das einfach? Keine Ahnung. Und ganz oft sehe ich auch: das Gegenteil. Das unwillige, weinende, schreiende, verzweifelte Kind.

Ich finde es schwer, weil die gesellschaftliche Erwartung meines Empfindens (zumindest in nördlichen Teil von Deutschland, wenn man es mal in zwei Hälften teilen will) eine andere ist. Hole Dir soviel Hilfe wie geht, dann kommt man gut über die Runden. Hier: Nicht. Dass unsere Kinder das trotzdem teilweise mitmachen, ist ihrer unendlichen Kooperationsbereitschaft geschuldet. Sie akzeptieren, dass wir ihnen sagen, wir könnten nicht so lange mit ihnen zusammen sein. Wir wollten lieber arbeiten. Ja, dieser letzte Satz wird wörtlich so nicht fallen. Aber stimmen tut er ja doch. Sie tut mir leid, die Kleinen. Aber wer jetzt nicht für die Zukunft lernt, hat später keinen Job.

Remo Largo, der berühmte Kinderarzt, schreibt in seinem Buch zum Thema Kindergarten, manchmal seien selbst Vierjährige noch nicht zur Trennung von den Eltern bereit. Warum kommt dies in unserer Lebensplanung eigentlich nie vor? Ich habe noch nie von anderen Eltern gehört, dass sie sich jemals darüber Gedanken gemacht haben, was ist, wenn das Kind mit einem Jahr überhaupt nicht in den Kindergarten will. (Hauptsache, es hat den perfekten Kinderwagen). Außer in unserer Spielgruppe, wo viele Kinder erst mit 2 – 3 Jahren in den Kindergarten gehen, also bewusst später. Und die auch nach Mama / Papa rufen, wenn dieder mal aus dem Raum auf Toilette geht, obwohl alle Kinder schon seit über einem Jahr dabei sind. Und mitgehen wollen und nicht alleine zurückbleiben. Die das auch mal aushalten, aber deutlich zeigen: „Elter, lass mich hier nicht allein!“

Zur Erziehung der Kinder braucht man ein Dorf? Ja, ein Dorf. Wo die Eltern den ganzen Tag „vorhanden“ sind. Wo die Kinder mal hierhin und mal dorthin gehen können – wenn sie wollen. Und jederzeit sich mal zwischendurch bei den Eltern rückversichern. Ich habe auch gelesen – ob es bei Largo oder einem andere Kinderpädagogen war – dass Kinder mit ca. 5-7 Jahren, mit der üblichen Schulreife auch dazu bereit sind, sich in dem bei der Schule notwendige Maße an fremde Erwachsene zu binden. Das kommt mir passend vor, das wird die Große auch schaffen – wenn bei der Lehrperson dann auch die Bereitschaft besteht, eine Beziehung zu den Kindern einzugehen. Schauen wir mal. Wenn die Lehrer nicht so super sind, und sei es auch nur Betriebsmüdigkeit, werden wir viel Auffangarbeit zu leisten haben.

Was die Konsequenz all dessen ist? Keine Ahnung!

Ich wollte nur mal fragen: Wie ist das eigentlich bei Euch so? Und was denkt Ihr darüber? Wieso hört man von anderen nie, dass ihr Kind nicht gerne zum Kindergarten geht (von zwei Familien habe ich es schon einmal gehört, empfinde das aber als große Ausnahme an Offenheit).

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Autor: Juristin

Juristin, Mutter, Ehefrau u.v.m.

5 Kommentare zu „Zwei kleine Herzenskinder“

  1. Ich finde es sehr gut, wie Ihr auf Eure Kinder und deren Bedürfnisse eingeht. Aber das ist ja nicht en vogue. Habe ich auch erlebt als ich den Kitawechsel vollzogen habe. Viele denken, dass man sich zu sehr um sein Kind kümmert und das ist anscheinend uncool. Traurig ist das. Deshalb habe ich auch schon Mütter erlebt, die einige Wochen stocksauer auf die Kita waren, zurecht, und dann doch wieder erzählen, dass alles doch nicht so schlimm ist. Ja, sie können leider nicht anders. Sie schaffen den Kitawechsel in eine möglicherweise bessere Kita nicht. Ihnen fehlen die Kräfte. Und ich verstehe sie sogar … sehr! Wenn man Kind, Haushalt und Job hat, kann man solche Wechsel sehr schwer stemmen.

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  2. Mein Mann ist sogar der Meinung dass ich unserem Kind schlimmes antue,weil ich es nicht in die kita gebe. Er denkt und viele andere auch, kleine Kinder bräuchten eine Horde anderer Kinder. Da ihr beide largo gelesen habt, wisst ihr dass das Unsinn ist. In dem Alter besuchen Sie hauptsächlich ihre Eltern. Ich wollte mein Kind niemals vor drei in eine kita geben und ab drei nur wenn ich die kita wirklich toll finde. Ich hätte kein Kind bekommen hätte ich gewusst dass ich gezwungen werde mein Kind schon mit zwei abzugeben. Ich hätte abgetrieben bzw wie verrückt verhütet. Nein falsch. Ich wäre vor lauter Angst enthaltsam gewesen.
    Mir ist wichtig dass die kita immer anruft und nicht aufbewahrt. Aber dazu haben sie keine Lust, die Standard kitas.

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  3. Na ja, mein Kind ist ein „Kita-Kind“: Eingewöhnung rasch und problemlos, schon als Baby wurde sie bestens gelaunt mal ein Stündchen von einem Kumpel oder Schwestern betreut, und ja, sie war auch schon eine Woche bei der Oma. Jetzt, mit 3 Jahren, ist es manchmal schwieriger. Offensichtlich hat sie Phasen, in denen sie Mama und Papa dringender nötig hat als in anderen Zeiten. (Das wir als Eltern uns bereits getrennt haben, als sie 10 Monate alt war, sei dahingestellt – trotzdem sind Mama und Papa die wichtigsten Personen.) Klar kommt sie mit, wenn ich aufs Klo gehe und sie nicht gerade in ein Spiel vertieft ist oder vorgelesen bekommt. Ich habe aber das Gefühl, dass sie die Unabhängigkeit in der Kita auch nicht schlecht findet, wenn sie zu Hause genug Ausgleich bekommt.
    Ich denke schon, dass es sehr auf das Kind ankommt, wie es auf die Trennung von den Eltern reagiert – und natürlich auch auf die Eltern. Es muss eben ein Weg gefunden werden, dass es für alle möglichst gut passt, im Zweifel muss den Bedürfnissen des Kindes das größere Gewicht gegeben werden. Wenn möglich. Ist es nicht immer, wenn man z.B. auf Erwerbsarbeit angewiesen ist.

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    1. Ich habe nur mein persönliches Erleben geschildert, nicht alle Kinder gemeint. Es gibt ja so Kinder wie deins, und dann stehe ich einfach staunend daneben 😉 Natürlich neigt man in Bezug auf die Bewertung der Dinge immer dazu, von sich selbst auszugehen. Die moderne Familienpolitik geht aber m.E. zu sehr von deinem „Modellkind“ 😉 aus. Ich finde, die Bedürfnisse der Eltern werden allgemein viel wichtiger genommen als die der Kinder. Bin aber auch auf andere Meinungen gespannt.

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